Winterlinde (Tilia cordata)



 

Kurz und knapp

  • Von Nordspanien bis zum Ural und dem Kaukasus überall in den gemäßigten, kontinentalen Klimabereichen bis 1.400 m ü. NN anzutreffen
  • Forstlich selten und bisher nur als dienende Baumart von Bedeutung, aber häufigster Stadtbaum in Deutschland
  • Große Standorts- und Klimatoleranz auf nicht staunassen Böden, zeigt ihr Wuchsoptimum auf basenreichen, frischen Lehm- und Tonböden in sommerwarmen Regionen
  • Wichtiger Baum für die Erhöhung der biologischen Vielfalt, bietet ein hohes Nektar- und Pollenangebot
  • Sehr weiches Spezialholz, welches für die Bildhauerei, Schnitzerei und Drechslerei unverzichtbar ist

 


 

Beschreibung

 

Die Winterlinde ist eine in Europa bis 1.400 m ü. NN weit verbreitete Laubbaumart, welche im deutschen Wirtschaftswald jedoch selten geworden ist. Lediglich in vereinzelten Naturwaldreservaten, wie z. B. Adelsberg-Lutzelhardt südlich des Pfälzer Waldes, kann sie sich behaupten und zählt dort zu den Klimaxbaumarten. Ihren Verbreitungsschwerpunkt hat sie im Baltikum bzw. Polen, wo sie mitunter Reinbestände bilden kann. Im Gegensatz zur etwas anspruchsvolleren Sommerlinde (Tilia platyphyllos) besiedelt sie auch weiter nördliche Regionen wie die südlichen Küstenregionen Norwegens und Schwedens sowie Westsibirien. Ihre natürliche Verbreitung korreliert merklich mit dem Fehlen der Rotbuche (Fagus sylvatica), welche die Winterlinde durch ihre starke Konkurrenzkraft verdrängt. Linden sind die wohl häufigsten Stadtbaumarten in Deutschland und werden ebenfalls in den USA, in Kanada und in Neuseeland künstlich verbreitet.

 

Die Winterlinde kann Höhen von 20 – 35 m und ein Alter von bis zu 1.000 Jahren erreichen.

 

 

Potenzielle Rolle im Klimawandel und im Wald der Zukunft

 

Die Winterlinde ist in mehrerer Hinsicht sehr vielseitig. Ihre Klimaplastizität und ihre breite Standortsamplitude machen sie zu einer interessanten Baumart im Klimawandel, welche in sommerwarmen Waldgebieten zur Stabilität und Diversität des Waldes beitragen kann. Durch ihre Schattentoleranz und ihre Unempfindlichkeit gegenüber Seitendruck lässt sie sich sinnvoll in bestehende Waldgesellschaften einbringen und stellt eine bereits erwiesene Ergänzung zum Waldbau mit lichtbedürftigen Hauptbaumarten wie der Eiche (Quercus spp.) dar. Ihre kräftige Bodendurchwurzelung kann schwere Böden für weitere Baumarten erschließbarer machen und zusammen mit ihrem hohen Stockausschlagsvermögen eignet sie sich gut zur Bodenbefestigung bewegter Hänge, wo sie unter anderem als natürliche Pionierbaumart auftreten kann.

 

Durch ihre hohe Produktion an Pollen und Nektar stellt sie für zahlreiche Insekten eine wichtige Nahrungsquelle dar und ist besonders in urbanen Gebieten eine beliebte Bienenweide. Verschiedene Vogelarten (z. B. Kernbeißer, Buchfink, Kleiber, Kohl- und Tannenmeise) bedienen sich an den üppigen Nussfrüchten der Linde. Zusätzlich ist sie Partner und Wirt für mehrere Pilzarten. Unter den einheimischen Baumarten wird sie wegen dieses ökologischen Stellenwertes künftig eine größere Rolle im deutschen Wald spielen.

 

 

Ökologie und Standort

 

T. cordata bevorzugt sommerwarme Klimabereiche, auf denen sie bei unterschiedlich nährstoff- und wasserversorgten Böden gute Wuchsleistungen zeigen kann. Je ungünstiger die Wuchsbedingungen sind, desto höher wird ihr Lichtbedarf. Dieser ist höher als der der Sommerlinde. Ihr optimales Wuchspotential erreicht sie auf basenreichen, tiefgründigen, frischen bis mäßig trockenen Lehm-, Löss- und Tonböden und toleriert trockene, wechselfeuchte, saure und schlecht mit Nährstoffen versorgte Standorte. Ihre Staunässetoleranz ist niedrig, auch meidet sie zu kalte Standorte.

 

Die Linde bildet zunächst ein Pfahl-, später ein Herzwurzelsystem aus.

 

 

Schadfaktoren

 

Abiotische Schadrisiken spielen bei der Winterlinde keine große Rolle. Der Baum ist dürretolerant und sturmfest, längere Trockenperioden können allerdings die Anfälligkeit gegenüber Schadorganismen erhöhen. Er gilt als frosthart (frostunempfindlicher als die Sommerlinde), kann aber unter schlechten Bedingungen spät- und frühfrostgefährdeter sein. Trotz der sehr häufigen Verwendung als Stadtbaum ist die Winterlinde empfindlich gegenüber Luftverunreinigungen und Streusalz.

 

Schadinsekten, die auf die Linde spezialisiert sind, existieren kaum. Häufiger an der Linde vorkommende Schädlinge wie der Lindenschwärmer (Mimas tiliae) oder der Frühlings-Wollafter (Eriogaster lanestris) sind als harmlos einzustufen. Als potenziell gefährlich gilt die japanische Lindenminiermotte (Phyllonorycter issikii), bei der aktuell mit einer stärkeren Verbreitung gerechnet wird.

 

Linden gelten als äußerst „pilzfreundlich“. Häufig kommen hier Rußtaupilzartige, Blattfleckenkrankheiten (Apiognomonia tiliae und Cercospora microsora), die Rotpustelkrankheit (Nectria cinnabarina), diverse Fäulerreger (z. B. Ustulina deusta) und Welke (Vertillium spp.) vor. Auch Phytophtora spp. können Wurzel und Stamm attackieren.

 

Die Winterlinde wird sehr gerne verbissen.

 

 

Waldbauliche Behandlungsempfehlung

 

Im deutschen Waldbau hat die Winterlinde fast ausschließlich eine dienende Funktion (z. B. Beschattung der Stämme von Eichen zur Verhinderung der Wasserreiserbildung). Üblicherweise wird sie Mischbeständen beigemischt und wir dabei ähnlich waldbaulich behandelt wie der Bergahorn (Acer pseudoplatanus).

  • Pflanzung: Ein- bis dreijährige Pflanzen (50 – 120 cm) in Reihenverbänden 2 x 1 bzw. 2 x 2 m (1 x 1,5 bzw. 1,5 x 1,5 für Reinbestände) mit ca. 2.500 – 3.300 Stk./ha auf Freiflächen oder bis 3.000 Stk./ha unter Schirm
     
  • Dickung: Die Winterlinde muss zur Wertholzproduktion möglichst dicht gehalten werden, um ein schnelles Jugendwachstum zu fördern und um die Wasserreiserbildung zu verhindern, die besonders bei zu starker Durchforstung auftreten kann

  • Z-Baumauswahl: 100 – 150 Z-Bäume je Hektar (Mindestabstand 10 – 15 m), Eingriffe nur bei zu starker Gefährdung oder Bedrängung der Z-Bäume

  • Pflege bis Endnutzung: Umtriebszeit beträgt ca. 100 – 140 Jahre, BHDs von 60 cm und astfreie Schaftlängen von 7 – 12 m sind möglich. Für gute Qualitäten frühzeitig mit dem Kronenausbau beginnen

Die Winterlinde eignet sich hervorragend als Mischbaumart bzw. als dienende Baumart für Bergahorn (Acer pseudoplatanus), Stiel- oder Traubeneiche (Quercus robur; Quercus petraea), Roteiche (Quercus rubra) und andere Edellaubhölzer.

 

 

Holzeigenschaften

 

Auf dem Holzmarkt wird das Holz von Sommer- und Winterlinde gleich gehandelt, da sie weitgehend identisch und mikroskopisch kaum zu unterscheiden sind. Der Winterlinde wird oftmals ein schwereres, härteres und dichteres Holz zugesprochen.

 

Das Holz ist weißlich bis gelblich, selten schwach grünlich gestreift, mit einer leicht fettigen und matt glänzenden Oberfläche. Die Textur ist fein, die Maserung ist eher unauffällig. Das leichte bis mittelschwere Holz zeichnet sich besonders dadurch aus, dass es sich sowohl von Hand als auch maschinell problemlos bearbeiten lässt, was es zur beliebtesten Holzart für Schäl-, Messer-, Schnitz- und Drechslerarbeiten macht und ganz besonders bei den Bildhauern unverzichtbar ist. Teilweise wird Lindenholz auch im Möbel- oder Musikinstrumentenbau genutzt. Da es nicht witterungsfest und nicht dauerhaft ist und nur schlechte Festigkeitseigenschaften besitzt, beschränkt sich die Nutzung auf die Ausstattung im Innenbereich.

 


 

Quellen

 

Bayrische Forstverwaltung für Wald und Forstwirtschaft (2019): Praxishilfe – Klima, Boden, Baumartenwahl. Zentrum Wald Forst Holz Weihenstephan.

 

Bürvenich, J.; Balcar, P.; Hein, S. (2012): Kronenkonkurrenz der Winterlinde AFZ-DerWald 17/2012, S. 22-23.

 

Falk, W.; Klemmt, H.-J.; Binder, F.; Reger, B. (2016): Die Winterlinde – Standort, Wachstum und waldbauliche Behandlung in Bayern. LWF Wissen 75, S. 20 – 29.

 

Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (2017): Alternative Baumarten im Klimawandel: Artensteckbriefe – eine Stoffsammlung. Forst BW.

 

GD-Holz (2020): Linde – Holz-ABC. https://www.gdholz.net/holz-abc/linde.html.

 

Grosser, D.; Ehmcke, G. (2015): Das Holz der Winterlinde – Eigenschaften und Verwendung. LWF Wissen 78, S. 38 – 44.

 

Redaktion LWF (2016): In und an der Winterlinde. https://www.waldwissen.net/de/lebensraum-wald/baeume-und-waldpflanzen/laubbaeume/in-und-an-der-winterlinde.

 

Roloff, A.; Bärtels, A. (2008): Flora der Gehölze – Bestimmung, Eigenschaften, Verwendung. Verlag Ulmer, 4. Auflage. ISBN: 978-3-8001-8246-6.

 

Schütt, P.; Schmuck, H. J.; Stimm, B. (2013): Lexikon der Baum- und Straucharten – Das Standardwerk der Forstbotanik. Nikol Verlag, 2. Auflage. ISBN: 978-3-86820-123-9.